Notiz_23



Ich öffne di Tür. Die Sonne scheint auf die roten Dächer der Stadt, der verschlafene Himmel im tiefsten Hellblau. Ich öffne die Tür. Der Sand der Nordküste brennt, ein gestrandetes Boot, verlassen von der Ebbe. Ich öffne die Tür. Die tausendflächige Seite des Berges. Ich öffne die Tür. Der Zug überquert die Alpen, die Gipfel gepudert mit Schnee. Ich öffne die Tür. Ein heißer Bürgersteig, links die Straße, rechts das Schutzgeländer, der Abgrund, der  See. Ich öffne die Tür. Ein verborgener Hof, die Verzierungen der Häuser rahmen den Himmel ein. Ich öffne die Tür. Grüne Kleewiesen, im Hintergrund Bäume, Wege, überall zu hören, wie der Fluss fließt. Ich öffne die Tür. Ein Eisentor, das seit Jahren gesperrt ist. Ich öffne die Tür. Das Wandern der Schatten auf dem Hof, hier waren einst mehr Bäume. Ich öffne die Tür. Tür nach Tür nach Tür nach Tür.
            Wonach suchst du eigentlich?
Vera sitzt auf einem Baumstumpf, neben ihr, neben uns eine halbe Säule.
            Ich suche nach einem Traum.
            Hast du ihn verloren?
            Ich denke, ich habe ihn nie gehabt.
Ich öffne die Tür. Schnee.
            Wie findet man etwas, was man nicht kennt?
Vera im Pelzmantel. Sie baut einen Schneemann. Oder eine Schneefrau. Ich unterbreche sie nicht. Ich warte. Wenn sie fertig ist, dreht sie sich zu mir.
            Und?
            Sehr schön.
Ich öffne die Tür. Ein Ballsaal, beleuchtet mit langstieligen Kerzen. Vera im roten Ballkleid.
            Tanzen wir.
Wir tanzen Walzer im Takt mit Veras leisem Zählen, eins zwei drei, eins zwei drei, eins zwei drei, sie trägt lange, silberne Ohrringe.
Die Sache mit dem Traum… Eigentlich ist er überall und nirgendswo. Ich meine, du stellst dir die falsche Frage vielleicht. Du suchst nach dem Traum, aber weißt du, wo du bist? Was ich sagen will… Kannst du etwas finden, in dem du bist? Kannst du dein Wohnzimmer finden, während du auf der Couch liegst?
Ich würde jetzt gerne auf der Couch liegen.
Vera hält meine Hand fest, sie geht zur Tür, öffnet sie. Die Sonne scheint auf die roten Dächer der Stadt, der verschlafene Himmel im tiefsten Hellblau.
            Ich bin ein wenig müde.
            Du kannst schlafen. Ich schaue den Vögeln zu.
            Sie kommen zurück.
            Manche sind hier geblieben. Man erkennt das an den Schuhen.
            Ja.
Meine Beine sind schwer, meine Augenlider gehen zu. Ich bin wach.
           

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