Notiz_18



Vera krault mir den Kopf, streichelt meine Haare, zieht daran, lässt wieder los, wird sanfter. Ich liege auf der Couch, Vera sitzt auf deren Lehne mit dem Rücken an der Wand. Ich weiß nicht, warum sie sich so hingesetzt hat, es scheint unbequem zu sein. Vielleicht gefällt es ihr.
            Du liegst verhältnismäßig oft auf der Couch in den letzten Tagen.
            Das Wohnzimmer ist der einzige Raum, der geheizt wird.
            Du hast ja auch einen Schreibtisch.
            Der ist zu niedrig.
            Wolltest du nicht etwas dagegen unternehmen?
            Ja. Ich muss zum Baumarkt.
            Für die Zuckerhutfichte auch!
Wir haben einen Baum auf dem Balkon. Eine kleine Zuckerhutfichte nämlich, die wir am Weihnachten geschmückt haben mit kleinen goldenen und roten Weihnachtskugeln. Seit Januar will ich für sie einen größeren Topf kaufen, damit sie besser wachsen kann. Die Zuckerhutfichte würde sich sicherlich freuen, einmal die Höhe des Geländers zu erreichen. Obwohl die Sicht aus dem Balkon nicht die beste ist. Aber abends sieht man die Bilder der Galerie im obersten Stock des gegenüberliegenden Einkaufszentrums,  was schön ist. Die Lichter brennen ungewöhnlich lange da oben. Ich würde gerne prüfen, ob sie noch an sind, aber ich bin zu faul aufzustehen. Außerdem Vera spielt mit meinen Haaren. Ich sollte sie nicht verhindern.
            Ist es nicht ungemütlich, da zu sitzen?
            Mir gefällt es.
            Ist es dir nicht kalt?
            Ein wenig nur.
Wir hören das letzte Album von Ghostpoet. Die Musik ist dunkel, vollmündig. Uns gefällt sie.
Er spielt heute Abend in München. Wenn wir noch in München wohnen würden, könnten wir jetzt auf seinem Konzert sein.
Wenn wir noch in München wohnen würden, müsstest du Morgen früh arbeiten.
Das stimmt. Das Leben ist erheblich besser geworden, obwohl teilweise die jetzige Wohnung kalt und leer ist. Vera rutscht von der Lehne herunter und landet auf meinen Bauch.
            Sag…
Sie hält ihre Hände an meine Brust und schaut mich besorgt an. Sie denkt über irgendetwas nach.
            Sag…
            Ja?
Bin ich nervig geworden? Weil ich dich ständig widerspreche? Und weil ich die ganze Zeit dir vorhalte, was du zu tun hast? Ich will eigentlich gar nicht nervig sein. Ich habe nur Angst, dass du vergessen könntest, was du zu tun hast. Naja, wirklich vergessen wirst du das nicht. Aber ich mache mir Sorgen, dass du zu viel prokrastinierst und dann nicht mehr alles schaffst. Ich sollte mir weniger Sorgen machen, ich weiß. Morgen soll es nicht mehr so kalt sein, wollen wir spazieren gehen? Aber dann wirst du wohl nicht arbeiten können. Und vielleicht ist es Morgen gar nicht viel wärmer. Vielleicht sollten wir doch hier in der Wohnung bleiben. Du kannst arbeiten, ich kann nachdenken. Heute ist mir etwas Seltsames passiert, während ich nachgedacht habe, ich bin in ein Bild hineingefallen, kannst du dir das vorstellen? Ich bin unruhig. Ist es weil ich auch prokrastiniere? Aber ich habe doch gar nichts zu tun. Jedenfalls, ich denke, dass ich nichts zu tun habe. Was ist, wenn ich eigentlich etwas zu tun hätte, aber ich es vergessen habe? Aber wenn ich es wirklich vergessen hätte, dann sollte ich doch nicht so unruhig sein, schließlich hätte ich ja vergessen, dass ich etwas zu tun habe.
Vera?
Ja?
Könntest du von meinem Bauch herunter?
Vera rutscht von meinem Bauch herunter und landet auf dem Boden. Sie kann sehr elegant rutschen, fast geräuschlos. Sie sitzt auf dem Flokati und schaut die Wand besorgt an.
            Vielleicht muss ich etwas ganz dringend tun, aber ich weiß das nicht.
Ich fange an, Veras Kopf zu kraulen, ich streichele ihre Haare, ziehe daran, lasse wieder los, werde sanfter. Das gefällt Vera. Sie wird ruhiger.
Weißt du, ich denke, dass manchmal gar nichts zu tun gibt, gerade deswegen wird man unruhig.
            Was macht man dann?
            Man geht früher schlafen.
            So früh ist es gar nicht mehr.
            Umso besser. Aber erst musst du noch ein bisschen weiterkraulen.
Ich habe immer etwas zu tun.

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