Notiz_8


Vera…
Mein Schreibtisch ist etwas länger als ein Meter, fünfzig Zentimeter tief. Ich habe ihn für fünfzehn Euro gekauft in einem Trödelmarkt, vor allem wegen der Farbe. Er ist nämlich grauweiß, so wie meine Bücherregale. Darauf sind jetzt eine Lampe, ein kleiner Plüschbär, Kopfhörer, Halstabletten, ein Bierkrug mit einem Teebeutel um den Griff, ein Lineal, ein Radiergummi, ein Radio ohne Batterien, ein Foto von meiner jungen Mutter und meinem sechsmonatigen Ich, leere Papierblätter, mein Laptop und Vera. Vera sitzt auf dem Tisch, ihre schmalen Schultern sind an der Wand gelehnt, die Hände auf dem Schoß, die Beine gekreuzt. Vera schaut ins Leere.
            Vera…
Ohne mich anzusehen bewegt Vera ihre Hand, bis sie meine berührt. Sie hält meinen kleinen Finger fest. Ich sehe, wie sie ihrem Gedanken nachgeht. Ihr Blick ist starr, als würde sie rennen, um den flüchtigen Gedanke zu fangen. Doch sie scheint ihn nicht zu erreichen. Sie drückt fester.
            Vera…
Vera bleibt still. Ein Augenblick noch sieht sie dem Gedanken nach, bis er in die Ferne verschwindet. Vera lässt meinen Finger los, sie hebt die Hand, die schwebend zwischen unseren beiden Gesichtern bleibt. Dann lässt sie ihre Hand wieder auf den Schoß fallen. Vera sieht mich an.
            Ja?
            Alles gut?
            Ja.
Vera lächelt und richtet ihr Blick ins Leere wieder.
So viel würde ich dir sagen, wenn ich die Worte dafür hätte. Die Schönheit mancher Momente, die bis ich sie begriffen habe schon verschwunden ist. Die Schwere anderer, die wie unstetiger Regen durch den Tag auf mich fällt. Das Meer, das ich in mir trage. Gerne würde ich dir das zeigen.
Vor uns, vor meinem Schreibtisch, ein weißes Meer. Ich höre das Rauschen der Wellen, die eine unsichtbare Küste erreichen. Vera lächelt noch, als hätte ihr Gedanke seinen Weg zu ihr gefunden.
            So viel würde ich dir sagen…
            Ich weiß.
Veras Haare tanzen im Wind. 

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