Notiz_5


Der kleine zungenlose Löwe liegt auf dem Wohnzimmerboden. Sein Hecheln weckt mich auf.
            Was kann ich für dich tun?
Der Löwe springt auf, kommt näher und schaut mich an. Er langweilt sich.
            Was kann ich für dich tun?
Er legt sich wieder hin, schaut mich weiter an.
            Nun?
Er dreht sich auf den Rücken. Er schaut mich weiter an.
            Er will raus.
Vera sitzt an meinem Schreibtisch mit einem amüsierten Lächeln.
            Ich aber nicht.
            Nur kurz.
            Ich bin krank.
            Das weiß ich.
Vera steht auf, streichelt den Bauch des Löwes. Dem Löwen gefällt es.
Erinnerst du dich, wie du als Kind Brot vor den Löwenstatuen in Budapest gelassen hast, damit die Löwen was zum Essen haben?
Ich freute mich dann am nächsten Tag, wenn das Brot verschwunden war.
Vera hält meine Hand fest. Sie lächelt. Der Löwe läuft hin und her, schnuppert, kommt zu uns zurück, dann läuft wieder vor. Wir spazieren auf der Kettenbrücke unter dem weißen Himmel.
            Geht es dir besser?
            Viel besser.
Als du im letzten Winter nach Budapest fuhrst, da warst du auch krank. Nach neun Stunden Bus kamst du am Népliget an, deine Mutter war da, dich abzuholen. Ihr nahmt die Metro ohne Tickets zu kaufen. Der Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt fand nur zwei oder drei Tage vorher statt, deine Mutter teilte dir mit, dass der Täter gerade in Mailand erfasst wurde. Die Stadt war kalt, aber dir ging es schon besser. Deine Tante brachte dir am nächsten Morgen Medikamente. Innerhalb von zwei Tagen warst du wieder gesund.
Die Luft der Stadt, wahrscheinlich.
Vera atmet tief ein. Sie strahlt.
            Ich habe Lust, etwas zu tun. Es ist mir gleich, was wir tun, ich möchte es einfach tun.
Ich lache. Wie ein Kind freut sie sich.
Dann lass uns es tun.

Der kleine zungenlose Löwe schaut uns erwartungsvoll an.

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