Notiz_6


Wer ist das?
Vera und ich stehen vor der Statue eines jungen Mannes. Die Umrisse seiner Figur sind deutlich, er ist groß, mager, extrem muskulös. Doch sein Körper scheint flüssig zu sein, unbeständig wie Wasser, seine Farbe im ständigen Wechsel zwischen Grautönen. Langes Haar umrahmt die verschwommenen, unsicheren, unfertigen Gesichtszüge. Dort, wo die Pupille sein sollte, ist nichts als leuchtendes kaltes Licht. Ich strecke meinen Arm nach der Figur, bis ich sie mit einem Finger berühre. Ein Regenbogen an Farben erscheint an der Stelle der Berührung, zieht durch das Körper, wirbelnd in der halbdurchsichtigen Flüssigkeit. Als ich die Verbindung löse, bewegen sich die Farben noch kurz weiter, dann verschwinden sie.
            Wer könnte das sein?
Vera lächelt.
            Ein neuer Anfang.
Ich antworte nicht. Ich sehe in der Ferne unzählig viele Menschen langsam nach den Bergen gehen. Ich weiß, ich sollte zu ihnen. Doch sie scheinen schon so entfernt zu sein.
            Kein Druck. Lass dir Zeit.
            Nur nicht allzu viel davon. Die Ränder zwischen Faulheit und Scheitern sind sehr schmal.
            Er interessiert dich?
Ich sehe die Figur an. Wenn ich mich nur konzentrieren könnte, vielleicht wären die Gesichtszüge deutlicher dann.
Ja. Vielleicht bloß aus Langeweile. Oder aus Leere. Oder aus Verzweiflung. Trotz alledem, ja. Er interessiert mich. Ein Flug aus reiner Schönheit, der in Glitzerstaub endet. Die Tragödie ist nicht sein Tod, sonder sein Leben. Wir, die Anderen, wir sehen es aber umgekehrt. Vielleicht hat das auch mit seiner Tragödie zu tun. Müssen Märchen gut enden?
Was heißt gut?
Hmmm…
Vera entfernt sich ein paar Schritte, ihr Blick kreist als suchte sie nach etwas.
Ich bin selten gut darin, dir Ratschläge zu geben. Du weißt normalerweise selber, wohin du willst und sollst.
Wonach suchst du?
Da…
Wir stehen vor einem hohen, eisernen Gittertor. Links und rechts davon eine Mauer aus roten Backstein, hinter der Mauer sind die Gipfel der Zypresse sichtbar.
            Hier?
            Ja. Komm.
Das Tor geht auf, eine lange Allee führt ins Ungewisse.
            Ein Friedhof?
            Deine nicht geschriebenen Geschichten. Komm.
Vera nimmt meine Hand, lächelt, führt mich herein.
Heilige Stille umhüllt uns.

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