Notiz_2



Vera sitzt. Sie kaut an ein Stück Brotkruste.
Ich gehe. Von rechts nach links, dann von links nach rechts.
Hin und her. Nicht nervös.
Hin und her. Nicht abwesend.
Hin und her. Nicht gelangweilt.
Ich gehe einfach. Hin und her. Und warte.
Vera kaut an die Brotkruste weiter. So wie ich gehe. Sie wartet. So wie ich warte.
Worauf warten wir eigentlich?
            Irgendetwas fehlt.
            Ja.                               
Vera hört auf zu kauen.
Sie schaut hoch zu mir.
Sie folgt meine gleichmäßige Bewegung. Hin und her.
Dann kaut sie weiter. Schweigen.
Aber worauf warten wir?
Ich weiß es nicht.
Irgendetwas fehlt.
Ja.
Ich bleibe stehen.
Der Herbst ist da. Ich könnte nicht sagen, wann er angekommen ist, vor längerer Zeit, glaube ich. Mir wird aber jetzt erst bewusst, dass er da ist.
Vera scheint von meiner neuesten Erkenntnis vollkommen unbeeindruckt zu sein. Sie kaut an ihre Brotkruste weiter.
            Haben wir darauf gewartet?
            Im Sommer, ja.
            Und jetzt?
            Jetzt ist er da.
            Worauf warten wir also?
            Ich weiß es nicht.
Ich kann nicht einschätzen, ob Vera von dem Gespräch gelangweilt ist, oder ob das Kauen ihrer Brotkruste plötzlich wieder an Spannung gewonnen hat. Jedenfalls antwortet sie nicht mehr. Sie kaut an ihre Brotkruste weiter. Ich seufze.
            Wassermelone.
            Wie bitte?
Wassermelone. Keine Brotkruste, sondern die Kruste einer Wassermelone, von der Donau getrieben Richtung Osten. So fängt das Gedicht von Attila Jószef an.
Vera sieht mich an. Überlegt einen Augenblick lang. Dann durchsucht sie die unzähligen Taschen ihrer braunen Jacke, bis sie die Kruste einer Wassermelone findet. Stolz hält sie die Kruste hoch. Dann wirft sie sie weit weg und kaut befriedigt an ihre Brotkruste weiter. Ich seufze. Die Wassermelone bewegt sich, getrieben von den unsichtbaren Gewässern einer unsichtbaren Donau. Und ich bewege mich auch, getrieben von einem unsichtbaren Gedanke. Ich folge die langsam schwimmende Kruste. Durch das Weiße Land.

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