Vera geht ihrem Gedanken nach



Veras Gedanken sind in der Regel nicht allzu geräumig, man merkt sie kaum, wenn sie sich langsam zwischen Wohnzimmer und Küche bewegen, die größeren verstecken sie sich unter dem Bett und wenige von ihnen, die ganz dünnen, sitzen auf der Kante des Schreibtisches und lassen ihre langen Beinen baumeln. Anfang November hatte Vera einen Gedanken, der ungewöhnlich schnell war. Sie lag nachmittags auf dem Sofa und ohne jegliche Melancholie starrte sie die Decke an, als der Gedanke von dem Kopfkissen heruntersprang und zur Küche rannte. Vera wartete. Sie wollte nicht in die Küche. In der Küche ist das Fenster immer gekippt, die Aschenbecher sind voll und es ist kalt. Vera wartete, aber der Gedanke kam nicht zurück. Sie stand auf, rollte sich in die Pelzdecke ein und überwand sich, die Küchentür zu öffnen. Der Gedanke saß auf dem Fensterbrett und schaute auf die GALERIA KAUFHOF-Schrift, manche Buchstaben leuchteten nicht, GALERIA UFIOF war zu lesen. Vera betrachtete ihren Gedanke. Er war schlank und blaugrün. Vera näherte sich langsam ihrem Gedanke, um ihn zu fangen, in vollkommener Stille ging sie voran, bis sie auf die Decke stolperte. Ein Weinglas fiel auf dem Boden, die Glasscherben klirrten glücklich, der Gedanke schlupfte in die offene Spalte und rannte die Straße herunter. Vera öffnete das Fenster und sprang ihm hinterher. Nieselregen und dunkle Mäntel. Vera folgte den leuchtenden Schwanz des Gedankens. An der Schuhstraße angekommen, versteckte er sich in der Buchhandlung an der Ecke, in der Romanabteilung sah er ihn, im obersten Stock holte er Atem neben der Shakespeare-Gesamtausgabe, dann lief er weiter, in der Weinhandlung stand er hinter einer Flasche Silvaner, zwischen zwei schmutzigen Tassen im Café nebenan, dann unter einem Plastiktisch im Dönerladen und schließlich am Gleis drei des Bahnhofs in Hildesheim. Ohne nachzudenken und ohne Fahrkarte stieg Vera im Zug nach Hannover, sie jagte ihren Gedanken bis in die ersten Klasse und als sie ihn endlich einfing, verschwand er. Das tun Gedanken manchmal. In dem Augenblick fuhr der Zug ab. Vera setzte sich hin, überlegte kurz und schlief ein. Sie war sehr müde. Als ich nach Hause kam fand ich das Küchenfenster offen, die Glasscherben und die Pelzdecke auf dem Boden. Draußen Nieselregen und dunkle Mäntel.

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