Notiz_43 - Zum Glück Ist Sie Betrunken



           Weißt du, ich denke.

Wenn ich jetzt aufhören würde, was dann. Würde ich meine Existenz auf einer philosophischen Ebene behaupten gegen die Last der Welt. Ich spüre heute die Last der Welt. ICH TANZE MIT AUF DEN SCHULTERN DIE LAST DER WELT. Die grammatikalische Inkorrektheit des Satzes stört mich auch, aber es gibt wirklich keinen anderen Weg, die zwei wichtigen Elemente des Satzes, nämlich ICH TANZE und DIE LAST DER WELT, in Nominativ zu lassen. Und ich will sie in Nominativ lassen. Deshalb fordere ich den deutschen Satzbau heraus. Der deutsche Satzbau wird sich schon rächen irgendwann. Jedenfalls. Natürlich habe ich getrunken. Vera auch. Ich bin heute im Grunde nur deswegen aus der Wohnung herausgekommen, um uns eine Flasche Wein zu kaufen. Vera hat dann im Bahnhofssupermarkt gemeint, ich soll lieber zwei kaufen. Sie hatte Recht. Nun bin ich am Ende meiner Flasche, Vera auch, ich habe vorhin geschrieben, Vera hat gesungen. Wir haben einen prächtigen Abend gerade. Jedenfalls. Ich wollte etwas anderes schreiben. Und zwar, ich hätte gerne einen Illustrator oder eine Illustratorin oder etwas gendermäßig dazwischen, der (oder die oder anders) eine Zeichnung dieses Satzes mir schenken würde: ICH TANZE MIT AUF DEN SCHULTERN DIE LAST DER WELT. Jedenfalls. Ich wollte über etwas anderes schreiben. Was war da nochmal. Ich stelle mir ein Interview vor.
            Vera, stell’ die Frage.
            Welche Frage.
            Die Frage.
            Na gut.
Vera nimmt die Gestalt und die Mimik eines eingebildeten Journalisten an.
In ihrer persönlichen Mythologie zeichnet sich die Figur des Herakles` heraus. Sie haben die Geschichte des Halbgottes in eine zeitgenössische, höchstpolitische Situation verlagert, als sie den Herren Ahmed H., Zyprischer Staatsbürger, der dreieinhalb Jahre im ungarischen Gefangenschaft mit Beschuldigung auf Terrorismus verbrachte, den Leidensweg des Helden zurückverfolgen ließen. Nun, fühlen Sie sich auch wie ein moderner Herakles?
Herakles? Nein. Nein, leider nicht. Um Herakles zu sein fehlt mir die Selbstzentriertheit, die Blindheit des Helden, wissen Sie, seine Stärke verdankt Herakles seiner bedingungslosen Überzeugung, im Recht zu sein. Ich bin es nicht. Jeden zweiten Schritt frage ich mich, ob der vorletzte Schritt richtig gewesen ist. Ich bin kein Held. Aber es gibt eine Geschichte aus der griechischen Mythologie, die mir sehr gefällt. Die Elfte Tat des Herakles’. Herakles war unterwegs zum Garten der Hesperiden, es wird allerdings berichtet, dass er lange Zeit für seine Reise brauchte, da er losgefahren, ohne zu wissen, wo der Garten der Hesperiden überhaupt lag. Auf seinem Weg fand er Prometheus und befreite ihn, so nebenbei. Prometheus sagte ihm dann, wo der Garten sei. Aber nur Götter hatten die Erlaubnis, in den Garten einzutreten. Also bat Herakles den Atlas, der den Himmel trug und so von der Erde trennte, für ihn einen goldenen Apfel vom Baum der Hesperiden zu stehlen. Währenddessen würde er, Herakles, den Himmel halten. Atlas willigte ein und übergab Herakles den Himmel. Die ganze Geschichte hat etwas biblisches, natürlich. Atlas nahm den Apfel und als er zu Herakles zurückging, dachte er, er könnte Herakles die Last des Himmels überlassen und selbst die Aufgabe erledigen, um endlich befreit zu sein. Er trat also zum Helden und sagte ihm, er würde den Himmel nicht zurücknehmen. Herakles zeigte sich unbeeindruckt, nur bat er den Atlas, den Himmel nur kurz zu halten, während er seinen Schuh zurechtrückte, denn er wolle nicht die Ewigkeit mit einem falsch sitzendem Schuh verbringen. Also nahm Atlas den Himmel wieder auf die Schulter. Herakles hob den Apfel, verabschiedete sich herzlich und ging weg. Atlas blieb allein. Nun, ich denke nicht, dass er wütend auf Herakles war. Ich denke, er hat in dem Augenblick realisiert, dass er von seinem Schicksal nicht zu flüchten braucht, denn sein Schicksal wird ihn immer einholen. In dem Augenblick akzeptiert Atlas sein Schicksal, nicht aus Gefallen oder aus Zwang, sondern weil er keine Alternative hat, als der Gott zu sein, der Himmel und Erde trennt. Eine Resignation stelle ich mir vor in den Augen des Gottes, gleichzeitig eine unermessbare Ruhe. Wenn ich eine mythologische Figur wäre, dann wäre ich Atlas, der betrogen erst versteht, welcher sein Schicksal ist.
Vera ist eingeschlafen. Ich bin auch müde, aber niemals würde ich während einer meinen Erzählungen einschlafen.
            Vera.
Vera wacht auf.
            Ich habe zugehört. Zu lang. Zu pathetisch. Du bist betrunken.
            Du auch.
            Ich weiß.
Vera, ich wollte etwas anderes sagen. Es ging gar nicht um Herakles oder um Atlas oder um philosophischen Arten und Weisen, zu tanzen. Worum ging es?
Woher soll ich das wissen. Du hast über deine Ex-Freundin nachgedacht.
Habe ich?
Ja, hast du. Hannah. Weißt du noch?
Vera ist sichtlich sauer auf mich. Aber zum Glück ist sie betrunken. Ihr einziger Widerstand gegen meine Fragen ist, mir leichten Schläge auf dem Arm zu verpassen. Sie liegt in meinem Einzelbett, wo ich übrigens auch liege. Ich müsste wirklich ein neues Bett kaufen. Hier ist es eng.
            Jetzt weiß ich es. Aber worüber habe ich nachgedacht?
            Ich weiß es nicht. Lass mich schlafen.
            Aber es ist wichtig.
Vera erhebt sich und schaut mir in den Augen. Ihre grauen Augen sind seltsamerweise nüchtern. Ich treffe in ihnen meine Widerspiegelung. Selbst meine Widerspiegelung schwankt ein wenig.
Nein. Ist es nicht. Du willst dich unbedingt verlieben, weil du einsam bist. Aber nicht du verliebst dich, sondern deine Einsamkeit. Deshalb wirst du dich in eine Geschichte hineinschreiben, wo du nicht hingehörst, die dich herausspucken wird, sobald sie kann. Du wirst schreiben, weil du nicht anders mit dir selbst umgehen kannst. Deine Einsamkeit wird siegen. Du wirst geschrieben haben, also wirst du vor dir selbst erfolgreich sein. Irgendwann wirst du verstehen, dass du nach Enttäuschungen suchst, um dich damit zu bekleiden, wenn es kalt ist.
Vera fällt wieder auf dem Kissen uns schläft sofort ein. Sie schnarcht. Ich verarbeite langsam ihre Worte. Das dauert eine Weile. Jetzt weiß ich endlich, was ich schreiben wollte.
Vera. Jetzt weiß ich es. Ich suche nach Enttäuschungen, um mich damit zu bekleiden, wenn es kalt ist. Das wollte ich sagen die ganze Zeit. Vera.
Vera schläft. Vera schnarcht. Mir fallen langsam auch die Augen zu. Ich stoße das halbleere Weinglas um. Scheiße. Ich hätte doch drei Flaschen kaufen sollen.





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