Notiz_44 - Bei jedem flüchtigen Blick



Gescheiterte Arbeitsversuche. Ein Glas Bier. Ich tue mir leid.
            Du tust mir nicht leid.
            Danke.
Du hättest auch schlafen können anstatt italienischen Fernseher zu schauen.
Hätte ich tun können. Hätte ich tun sollen. Ich habe schlecht geschlafen heute Nacht. Jetzt habe ich Kopfweh. Und keine Lust, zu arbeiten. In dieser Kneipe gibt es nicht mal Internet. Die Tische sind zu weit von den gepolsterten Sitzbänken entfernt, ich will aber den Tisch nicht näher rücken, um die Symmetrie des Ladens nicht zu zerstören. Also sitze ich mit vorgebeugtem Rücken, die Ellenbogen auf den Oberschenkeln und die Hände auf der Tastatur und mein Bier ist gleich leer und ich weiß nicht, ob ich noch ein zweites bestellen soll, ich weiß nämlich nicht, wie viel ein Glas kostet. Rechts ist ein Spiegel, der mir meine seltsame Haltung vergegenwärtigt bei jedem flüchtigen Blick. Vera rennt hin und her zwischen den Säulen im wiedergespiegeltem Bild, darüber in Fraktur die Schrift TFAHCSTOB EHCSIRYAB.
            Hier waren wir schon mal.
Ja, hier waren wir schon mal. Nach einem Theaterabend in Oktober. Oder war es November. Danach trafen wir Lev. Lev ist in Rostock genommen worden. Großartige Nachricht. Nun habe ich noch ein Grund nach Rostock zu fahren. Ich mag Rostock sehr gerne. Vielleicht werde ich dahinziehen irgendwann. Mit der Fähre könnte ich dann nach Dänemark oder mit dem Zug nach Berlin. Hamburg liegt auch nicht weit. Ich würde am Hafen entlang spazieren und mich in die kleine Konditorei hinsetzen, um zu arbeiten. Dort haben sie WLAN.
            Du hast dir doch noch ein Bier bestellt.
            Ein kleines aber.
Vera lächelt. Sie kommt aus der Wiederspiegelung heraus, um mir auf die Stirn zu küssen. Dann rennt sie wieder weg. Ich sehe sie zwischen den gelb leuchtenden Buchstaben KNABZREMMOC hin und her springen.
Die Zukunft kann so wunderschön sein, wenn man nicht zu viel über sie nachdenkt.
Vera hört mich nicht. Aber da macht ja nichts.




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